Im Beitrag über Selbstreflexion haben wir uns gefragt, wer wir wirklich sind – und was uns wirklich antreibt. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter. Denn Selbsterkenntnis ist der Anfang, aber sie braucht eine Richtung. Genau dabei helfen die Big Five for Life.
Stell dir eine Frage, die alles verändert
Stell dir vor, du liegst eines Abends im Bett und fragst dich: Lebe ich eigentlich das Leben, das ich wirklich will? Nicht das Leben, das andere von dir erwarten. Nicht jenes, das sich irgendwie ergeben hat. Sondern das, das sich tief innen – ohne Kompromisse – richtig anfühlt.
Genau diese Frage steckt hinter einem der kraftvollsten Konzepte, das mir je begegnet ist: den Big Five for Life. Eingeführt vom Autor John P. Strelecky, laden sie dich ein, nicht irgendwelche Ziele zu verfolgen – sondern deine. Fünf Erfahrungen oder Ziele, die dein Leben wirklich bedeutsam machen. Ergänzt durch den Zweck der Existenz (ZDE) – das übergeordnete Warum hinter allem.
Woher kommt der Begriff „Big Five“?
Der Begriff stammt aus der Welt der afrikanischen Safaris. Dort gelten Löwe, Leopard, Elefant, Büffel und Nashorn als die „Big Five“ – die fünf begehrtesten Tiere, die man auf einer Safari sehen kann. Wer alle fünf sieht, hat eine außergewöhnliche Safari erlebt.
Strelecky überträgt diese Idee auf das Leben: Was sind die fünf Erfahrungen oder Ziele, die dein Leben zu einem außergewöhnlichen machen? Welche fünf Dinge möchtest du auf keinen Fall verpassen – egal, was sonst noch passiert?
Was sind die Big Five for Life?
Deine Big Five for Life sind fünf tiefpersönliche Lebensziele – keine oberflächlichen Wunschlisten, sondern echte Wegweiser. Sie können Erfahrungen sein, Zustände, Beziehungen oder Leistungen. Wichtig ist nur eines: Sie kommen aus dir. Nicht aus dem, was die Gesellschaft, deine Familie oder Social Media dir einflüstert.
Sie sind mehr als Träume. Sie sind ein innerer Kompass, der dir hilft zu entscheiden, wie du deine Zeit, Energie und Aufmerksamkeit einsetzt. Wenn du eine Entscheidung triffst – ob groß oder klein – kannst du dich fragen: Bringt mich das meinen Big Five näher?
Was ist der Zweck der Existenz (ZDE)?
Noch tiefer als die Big Five geht dein Zweck der Existenz. Er ist nicht eines deiner fünf Ziele – er ist das übergeordnete Thema dahinter. Das Warum hinter dem Warum. Der Grund, warum du morgens aufstehst.
Während deine Big Five konkrete Erfahrungen oder Ziele sein können, beschreibt dein ZDE, wer du sein willst – und warum. Er ist das Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Und ja: Er kann sich im Laufe des Lebens verändern. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Wachstum.
Wie findest du deine Big Five und deinen ZDE?
Das ist keine Aufgabe für fünf Minuten. Es ist eine echte Reise nach innen. Diese sieben Schritte begleiten dich dabei:
1. Blick in die Vergangenheit
Erinnere dich an die glücklichsten, lebendigsten Momente deines bisherigen Lebens. Was war das? Was hast du getan, wer war dabei, was hast du gefühlt? Oft stecken genau in diesen Momenten die Hinweise auf das, was dich wirklich erfüllt.
2. Vision ohne Grenzen
Wenn du keine Angst vor dem Scheitern hättest, kein Geld eine Rolle spielen würde und du völlig frei wärst – wie würde dein ideales Leben aussehen? Wo bist du, was tust du, wer ist bei dir? Erlaube dir, wirklich groß zu denken.
3. Deine Leidenschaften
Welche Dinge lassen dich die Zeit vergessen? Worüber könntest du stundenlang reden, lesen, nachdenken? Was würdest du tun, auch wenn du nie dafür bezahlt werden würdest?
4. Konfrontiere deine Sterblichkeit
Dieser Schritt ist unbequem – aber einer der wirkungsvollsten. Stell dir vor, du bist am Ende deines Lebens und blickst zurück. Was würdest du bereuen, nicht getan zu haben? Was hätte dir wirklich viel bedeutet? Der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit kann ein mächtiger Kompass sein – mehr dazu erfährst du im Beitrag über Memento Mori.
5. Schreib alles auf – ohne Filter
Nimm dir Zeit und schreib alles nieder, was dir in den Sinn kommt. Kein Urteilen, kein Zensieren. Lass die Gedanken fließen. Manchmal kommen die besten Antworten erst, wenn du aufhörst, sie zu kontrollieren.
6. Finde dein Warum
Schau dir deine Antworten an und frage bei jedem Punkt: Warum ist mir das wichtig? Und dann nochmal: Warum? Dieses Bohren führt dich zu deinen echten Werten – und damit zu deinem ZDE.
7. Formuliere deine Big Five und deinen ZDE
Jetzt bring alles zusammen. Welche fünf Ziele oder Erfahrungen wollen unbedingt Teil deines Lebens sein? Und welches übergeordnete Thema zieht sich durch alles hindurch – dein Zweck der Existenz?
Wie setzt du sie um?
Du musst das nicht auf einmal schaffen. Kleine, konsequente Schritte reichen aus. Fünf Prinzipien, die mir dabei persönlich helfen:
Einen Plan erstellen
Für jedes deiner Big Five: Was ist ein konkreter nächster Schritt? Keine riesigen Sprünge nötig – kleine, regelmäßige Fortschritte wirken Wunder. Wie das konkret funktioniert, zeigen die Beiträge zur 1%-Methode und zum Pareto-Prinzip, die noch folgen.
Den ZDE in den Alltag integrieren
Dein Zweck der Existenz muss nicht immer groß und dramatisch gelebt werden. Oft zeigt er sich in kleinen Momenten – in einem Gespräch, einer Entscheidung, einer Gewohnheit. Finde Wege, ihn täglich spürbar zu machen.
Verantwortung übernehmen
Du bist der Gestalter deines Lebens. Nicht die Umstände, nicht andere Menschen, nicht das Schicksal. Diese Haltung ist eine der befreiendsten Entscheidungen, die du treffen kannst – die Stoiker nennen es das Leben nach der eigenen Vernunft. Mehr dazu im Beitrag über Stoizismus.
Flexibel bleiben
Deine Big Five sind kein starres Korsett. Das Leben verändert sich – und du dich mit ihm. Was dich mit 25 erfüllt hat, muss mit 40 nicht mehr dasselbe sein. Und das ist gut so. Lass deine Ziele wachsen.
Erfolge feiern
Jeder kleine Schritt zählt. Wer lernt, Dankbarkeit für den eigenen Fortschritt zu empfinden, bleibt langfristig motiviert – nicht erst beim großen Ziel, sondern auf dem gesamten Weg dorthin.
Arete und Logos – Die philosophische Tiefe dahinter
In meinen eigenen Big Five tauchen zwei Begriffe auf, die ich kurz erklären möchte: Arete und Logos.
Arete ist ein Begriff aus der griechischen Philosophie und bedeutet so viel wie „Exzellenz“ oder „Tugend“. Gemeint ist nicht Perfektion – sondern das konsequente Streben danach, das Beste aus sich herauszuholen. Für mich bedeutet Arete: jeden Tag ein bisschen mehr der Mensch zu sein, der ich sein möchte.
Logos hingegen bezeichnet in der stoischen Philosophie das universelle Vernunftprinzip – die Ordnung, die hinter allem steckt. Die Stoiker glaubten, dass ein gutes Leben darin besteht, im Einklang mit dem Logos zu leben: mit der Vernunft, den natürlichen Gesetzen des Lebens und dem, was wirklich in unserer Kontrolle liegt. Mehr dazu findest du im Beitrag über Stoizismus.
Zusammen bilden Arete und Logos für mich so etwas wie einen inneren Kompass: Strebe nach deinem Besten – und tue es im Einklang mit dem, was wirklich zählt.
Mein persönliches Beispiel
Damit das alles nicht abstrakt bleibt, teile ich hier meinen eigenen ZDE und meine Big Five – so wie ich sie zum Zeitpunkt des Schreibens definiert habe:
Mein ZDE:
Alles zu erleben, was ich mir im Leben wünsche – damit ich lebe, ohne etwas zu bedauern, und sterbe, ohne etwas verpasst zu haben.
Meine Big Five:
- Leben mit Arete und Vertrauen in den Logos
- Entwicklung – regelmäßig meinen Körper und Geist trainieren
- Ich – selbst sein und auf meine Bedürfnisse achten
- Zeit – für Familie und Freunde haben
- Gutes tun – denn Positives bewirkt Positives
Meine Big Five sind bewusst offen gehalten. Ich glaube, dass es ein Leben lang Raum für Wachstum geben sollte – deshalb sind sie keine abgeschlossenen To-dos, sondern Richtungen. Gleichzeitig setze ich mir jedes Jahr ein konkretes Ziel pro Kategorie und reflektiere regelmäßig, ob ich nach meinen Werten lebe.
Dein nächster Schritt
Du musst nicht sofort fünf perfekte Antworten haben. Fang einfach an. Nimm dir heute Abend 20 Minuten, ein Notizbuch und stelle dir ehrlich die Frage: Was will ich wirklich erleben, bevor meine Zeit abläuft?
Die Antworten werden kommen. Vielleicht nicht alle auf einmal – aber sie werden kommen.
Dein Leben ist dein größtes Projekt. Es lohnt sich, es bewusst zu gestalten.
Im nächsten Beitrag wechseln wir die Perspektive: Es geht darum, wie du das, was du über dich weißt, in die Tat umsetzt – mit konkreten Methoden und einem klaren Plan. Den Einstieg dazu gibt die Einleitung zu „Alles schaffen“.